Zigarrenfabrik Gerstenberg
Aus Kaktus und Kuebel
Für unsere Gemeinde Hasselroth wird zur Zeit ein Kulturrundweg angelegt. Ein Bestandteil des Ganzen soll unser Haus, bzw. dessen Historie werden. Aus diesem Grund baue ich hier nach und nach Daten, Inhalte und Fotos auf.
Zigarrenfabrik Michael Gerstenberg
Havanna, Sumatra, Brasil –das klingt nach Sonne und lockender exotischer Ferne. Der Raucher denkt natürlich an die schönen, schweren Zigarren, die zusammen mit einem Glas Rotwein seinen Abend verschönern. Viele Menschen wissen nicht mehr, dass auch in Neuenhasslau jahrzehntelang eine blühende Zigarrenherstellung bestand. Mein Großvater Michael Gerstenberg stammte aus dem Eichsfeld. Das war eine eher arme bäuerliche Gegend in Thüringen und dem südlichen Niedersachsen. Wie viele andere Menschen sah er keine Aussicht auf einen ausreichenden Lebensunterhalt in seinem Land. So suchte er sich als gelernter Zigarrenwerkmeister einen anderen Arbeitsort. Er fand ihn in Neuenhasslau. Dort war 1920 das Chamotte-und Tonwerk stillgelegt worden. Sein ehemaliges Bürogebäude nebst Stall und Garten pachtete mein Großvater als Zigarrenfabrik. Zunächst war er für die Firmen Ad. Grohme (Berlin) (01.04.1921) und Barbara Behl (Groß-Steinheim) tätig. 1925 machte er sich alsdann selbständig und am 01.09.1929 kaufte er das Anwesen, worin er seit 06.12.1925 in Miete lebte und arbeitete. Sein Start als Unternehmer war schwer. Zusammen mit meiner Großmutter und drei weiteren Frauen nahm er die Produktion auf. Damals war noch alles Handarbeit. Maschinen kamen erst später. Den Verkauf übernahm er selbst –auf dem Fahrrad, mit der Ware im Rucksack, fuhr er landauf, landab zu seinen Kunden. Das Geschäft florierte, der Umsatz stieg. Als die Nazizeit kam, hatte die Firma mit 15 bis 20 Arbeiterinnen schon sehr guten Absatz. Unter anderen wurden monatlich zwei bis drei Holzkisten Zigarren an die Wehrmacht geliefert. Der Bruder meines Großvaters, Martin Gerstenberg, im thüringischen Eichsfeld wohnhaft, übernahm eine Vertretung, der Jude Goldberg aus Fulda eine weitere. Als die Ächtung der jüdischen Mitbürger begann, wurden die Geschäftsbeziehungen zu ihm schwierig, aber noch bis 1938 belieferte ihn mein Großvater heimlich, indem er ihm im Wald bei Schlüchtern die Ware übergab. Das große Plus der Zigarrenfabrik waren die vielen Sorten von damals 8 bis 50Pfennig und der direkte Kontakt mit den Endverkäufern. Das waren Gastwirtschaften, kleine Kolonialwarenläden und diverse Großhändler im Raum Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern-Fulda. Inzwischen wurden schon 30 bis 35 Arbeiterinnen und Arbeiter in der Fabrik beschäftigt, dazu viele Heimarbeiterinnen. Unsere Fabrik wurde in dieser schwierigen Zeit einer der größten Arbeitgeber in Neuenhasslau. Wer arbeitet in einer Zigarrenfabrik? Zunächst einmal muss es einen Meister geben, der die Mischung des Tabakes besorgt. Dann kommen die Wickelmacher(innen). Sie rollen die "Einlage" in ein Blatt und pressen das Ganze in die Holzform. Nach Drehen und Trocknen sind die Wickel fertig. Sie werden nun von den ZigarrenmacherInnen in die Deckblätter eingewickelt. Ihre Spitze wurde verklebt. Natürlich musste es auch Angestellte im Büro geben, die das Kaufmännische erledigen. Man sieht also, dass ein ganz schöner Personalstamm zusammenkommen kann. Nach dem Krieg wurde der Absatz rapide schlechter. Keiner mochte mehr Zigarren rauchen. Die Zigarette, die 1843 eher zufällig erfunden worden war, begann ihren Siegeszug und eroberte den Markt. Die Marken von damals hießen Gold Dollar, Lucky Strike, Overstolz, Eckstein –wer erinnert sich noch daran? Die Zigarette war eine maschinen gefertigte Massenware. Auch die Zigarrenindustrie musste sich ganz auf Maschinen umstellen und wer das nicht konnte, der musste nach den Gesetzen des Marktes aussteigen. Der Staat bot den kleinen Zigarrenherstellern Abfindungen an und viele gingen darauf ein. Mein Großvater war schwer krank und starb 1956. Meine Mutter übernahm den Betrieb und wollte weitermachen: zu viel Schweiß und Mühe waren investiert, als das kampflos aufgegeben wurde. Auch mein Vater, gelernter Sparkassenkaufmann stieg mit ein. Doch der Kampf war nicht zu gewinnen, zumal die Industrie höhere Löhne zahlen konnte und viele Kräfte daher abwanderten. Anfang der sechziger Jahre wurden die Bilanzen immer schlechter. Kapital zur Modernisierung war nicht mehr vorhanden. So mussten meine Eltern den Betrieb zum 31. März 1963 schließen.
Dieser Beitrag wurde zusammen mit meiner Mutter Lucie Lochner geb. Gerstenberg erstellt.
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