Baldauf: Mein Kakteentagebuch

Aus Kaktus und Kuebel

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Von der Witwe des bekannten Kakteenzüchters Werner Baldauf erhielt ich vor zwei Jahren die komplette Diasammlung und das Kakteen-Tagebuch. Frau Baldauf erteilte mir in einem mehrstündigen Gespräch die Vollmacht Teile daraus veröffentlichen zu dürfen. Das Vorwort zum Tagebuch hat mich sehr beeindruckt, aus diesem Grunde möchte ich es Ihnen nicht länger vorenthalten:

Vorwort: Das Leben wäre eine traurige und langweilige Angelegenheit, wenn wir es uns nicht durch eine Beschäftigung erhellen und aufheitern könnten, die außerhalb unserer gewöhnlichen Pflichten und den Arbeiten des Tages liegen: Eben durch Liebhaberei, die unserem inneren Wesen unserer besonderen Eigenart angemessen ist und ihr entspricht. So bringt eine Liebhaberei viel Schönes in unser Leben und wir sind deshalb gern bereit, ihr Opfer an Zeit, Mühe und Geld zu bringen, um unsere Freude an den Dingen, die wir lieben, zu genießen. Das klingt ein wenig egoistisch. Aber muß den alles im Leben einen Zweck haben? Wo bliebe denn die reine Freude am Schönen, wenn alles zweckbedingt wäre? Ein Sonnenuntergang mit seinen Farbenspiel, eine sternklare Nacht mit ihren Geheimnisssen, die Fernsicht bei einer Gipfelrast können uns bis ins Innerste berühren und erschüttern und Empfindungen und Kräfte in uns wecken, die oft unbewusst in uns ruhen. Aber nicht nur die großen Schauspiele in der Natur ergreifen und bewegen uns, auch im Microkosmos, im Kleinen und Kleinsten ihrer Erscheinungsformen, bietet sie uns soviel Schönes und Bewunderungswertes. Wir müssen es nur zu finden wissen. Liegt doch oft schon im kleinsten Samenkorn eine vielversprechende Verheißung, die Möglickeit einen weiten Raum umfassenden, schattenden Baumes. Unsere Vorliebe für Kakteen scheint so manchem seltsam und abwegig. Der Liebhaber aber sammelt aus Freude an den Dingen an sich. Ihren Wert haben sie oft nur in seinem eigenenen Augen, so kann es anderen unsinnig erscheinen, daß er sich für Dinge interessiert und sie sammelt die dem anderen wertlos und überflüssig erscheinen. Das Reiten eines Steckenpferdes scheint Andersdenkenden immer ein wenig absurd. So können viele Menschen auch nicht verstehen, daß man sich für das Sammeln von Streichholzetiketten, von Zigarrenbauchbinden, von Flaschenkapseln alter Reklameschildern, hier als Beispiel genannt, und noch manchen, meist absurden Sammelobjekten begeistert. Nun unsre Liebhaberei geht andere Wege. Der Kakteenfreund kann seine Sammlung bei einiger Mühe und mit gutem Willen sehr schön und reichhaltig ausgestalten, die ihm alle Freuden und Genüsse verschafft, die jeder Sammler in seiner eigenen Liebhaberei findet. Kakteen machen ein bißchen mehr Mühe als Marken, Münzen oder dergleichen, da sie lebende organische Geschöpfe sind, die einer gewissen Wartung und Pflege bedürfen, wenn sie nicht zu Grunde gehen sollen. Aber gerade in ihrer Weiterentwicklung und Entfaltung liegt auch eine Quelle der Freude, die tote Gegenstände nicht geben können. Wenn wir uns täglich mit ihnen beschäftigen und uns ihrer intensiven Betrachtung hingeben, so finden wir in dieser äußerst kurzen Spanne Zeit und Erholung, die in dem aufreibenden und ermüdenten Kampf unserer Zeit uns die so notwendige Möglichkeit des Entspannens und Ausruhens gibt. Kakteen sind so dankbar. Bei richtiger Pflege und Behandlung entwickeln sie alle Schönheiten, mit denen sie die Natur, für den der Augen hat zu sehen, so reich ausgestattet hat. Wer Kakteen für Mißbildungen, unschöne Gesellen und stacheliges Unkraut hält, kennt sie nicht, hat nie das filigran der Bedornung so mancher weißer Mammillarien bewundert oder die symetrische Form ihrer Körper betrachtet und ist nie fassungslos vor dem blühenden Wunder einer Königin der Nacht gestanden. Sind wir doch meist selber Schuld, daß uns so viele Schönheiten der Natur verlorengegangen sind, weil wir achtlos an ihnen vorübergehen. Gerade das wir unsere Pflanzen im Zimmer, Kasten oder Gewächshaus halten, macht unser Verhältnis zu ihnen viel intimer und näher als zu den Gewächsen der Gärten und freien Natur. Da sie aus ihrer gewohnten, heimatlichen Umgebung herausgerissen worden sind, müssen wir ihnen den bestmöglichen Ersatz schaffen. Sie sind nun von uns abhängig, uns auf Gedeih und Verderb verantwortet und wir haben alles zu tun, um sie in der neuen Umgebung heimisch zu machen, wenn wir sie nicht verlieren wollen. Wieviel Fürsorge brauchen die kleine Sämlinge? Wir müssen sehen, daß sie die richtige Wärme und genügend Feuchtigkeit und Licht bekommen. wie groß ist aber dann auch die Freude eines jeden Liebhabers an einer gut besetzten Samenschale, in der die kleinen, möglichst schon pikierten Köpfchen schön in Reih und Glied stehen und die paar Haare oder Dornen als echte Vertreter ihrer Rasse mit einer gewissen Würde tragen. Je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen, je besser wir sie kennen lernen, desto größere Schönheiten und Eigenarten werden wir in ihnen entdecken, um so größer wird die Freude an ihrem Besitz sein. Die Betreuung unserer Pflanzen ist uns eine Freude, die wir anderen Zerstreuungen vorziehen. Die Exemplare unserer, die wir oft mit Mühe erworben oder selbst aus Samen herangezogen, sind uns ans Herz gewachsen. Wir sind ihnen dankbar für die Freude, die sie uns schenken und deshalb verbindet uns eine warme Freundschaft mit unseren Kakteen.

Werner Baldauf, 1984
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